Türkischer Chirurg entdeckt neue Zellen in der Schilddrüse – nach 150 Jahren
Prof. Dr. Erhan Ayşan und sein Team haben in der Schilddrüse eine neue Zellgruppe entdeckt, die Parathormon bildet. Das könnte Lehrbuchwissen verändern.

In Lehrbüchern steht seit Jahren derselbe Satz: Den Calciumspiegel im Blut regeln die Nebenschilddrüsen. Der Endokrinchirurg Prof. Dr. Erhan Ayşan und sein Team sagen nun, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Sie haben in der Schilddrüse eine neue Zellgruppe gefunden, die ebenfalls Parathormon bildet.
Was wurde entdeckt?
Bisher galten die Nebenschilddrüsen als einziges Organ, das den Calciumspiegel im Blut steuert. Sie bilden das Hormon Parathormon. Calcium braucht der Körper, damit sich Muskeln zusammenziehen. Auch das Herz ist ein Muskel.
Laut Ayşan zeigt der neue Fund, dass Parathormon auch in der Schilddrüse gebildet wird. Sie gilt ohnehin als "Dirigent des Körpers". Ayşan sagt, ihre Bedeutung wachse damit noch einmal.
Die Nadel im Heuhaufen
Das Team forscht seit rund 9 Jahren mit molekularen und genetischen Methoden an Schilddrüse und Nebenschilddrüsen. Es nutzte spezielle Färbungen und moderne Bildgebung. Die neuen Zellen sind in der Schilddrüse sehr selten, sie zu finden war schwierig.
Ayşan erzählt, die Zellen seien samt Fotos in einer internationalen Fachzeitschrift veröffentlicht worden. Die letzte Zellart in der Schilddrüse, die C-Zellen, wurde vor 150 Jahren entdeckt.
Was ändert sich im OP?
Nach Schilddrüsenoperationen fällt das Parathormon manchmal ab. Chirurgen machten sich deshalb oft Vorwürfe. Ayşan sagt, der Fund entlaste sie. Trotzdem müsse man die Nebenschilddrüsen weiter mit größter Sorgfalt schützen.
Laut Ayşan soll man künftig vorsichtiger mit aggressiven Eingriffen und der Entfernung der ganzen Schilddrüse sein. Organerhaltende Operationen könnten wichtiger werden. Patientinnen und Patienten wären dann nach dem Eingriff schneller wieder fit.
Und jetzt?
Die Ursachen von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie Hashimoto und Morbus Basedow (Graves) kennt man bis heute nicht. Ayşan hält es für möglich, dass der Fund neue Ansätze liefert. Für klare Aussagen sei es aber zu früh. Dafür brauche es klinische und Laborstudien.
Auch bis neue Erkenntnisse in Leitlinien landen, dauert es oft lange, besonders in der Chirurgie. Ayşan hofft, dass es diesmal schneller geht.


